Warum ist Iago böse?
Wie eine Jagd beginnt und wohin sie führen kann
Warum sollte eine Korallenotter zwei mit neurotoxischem Gift gefüllte Drüsen zum Überleben benötigen, während eine Königsschlange, ähnlich markiert, keine besitzt? Wo bleibt da die darwinistische Logik? Das mag man sich fragen. Ich frage nicht
Aus ihm noch immer unerklärlichen Gründen befand sich S. am heutigen Tag -der, an dem die Welt zum Rauschen wurde- auf der Jagd. Gerade sei ihm ein so bekanntes Gesicht, eines, das er sicherlich schon hundertmal gesehen habe, im Vorbeilaufen der Straße erschienen. Habe sich ihm flüchtig gezeigt und sei dann wieder verschwunden. S. frage sich, warum jenes Gesicht, das er niemals leibhaftig gesehen habe, ihm dennoch so vertraut war. Nun wolle es ihn nicht mehr loslassen, wolle seinen Geist korrumpieren und seine Seele verstümmeln. Bleibtreustraße, 19 Uhr - hier begann das Unglück.
Viel später erinnere er sich, dass neben ihm in Neonlicht getränkte Häuserwände wie Stalagmiten gen Himmel geschossen seien, dass sie ihm den Weg versperren wollten, und ihn denken ließen, dass es von nun an nur noch eine Richtung gebe. Aus Funkmästen sei ein unendliches Piepen gedröhnt. Es habe ihn von eben jener Straße drängen wollen. Nur Fugazi könne jetzt verstehen, warum er trotz dieses niemals endenden Lärms so müde sei. Auf der anderen Straßenseite sei ein Mann einer Frau hinterhergelaufen, die nicht mit ihm reden wolle. Ein Zugedröhnter habe nach Pfand gefragt.
S. müsse geniert zugeben, dass er meine, jenen jungen Mann vor einiger Zeit im Internet kennengelernt zu haben. Er erinnere sich gut an dessen Bilder, die eines strohblonden Jungen, der zurückhaltend lächele und doch sehnend in die Kamera schaue. Man könne ihm eine Art schwereloser Flamboyance ansehen, die sonst nur von Meningitis geplagten Irren in viktorianischen Gefängnissen erträumt werde. Wochenlang habe er mit ihm geschrieben. Fast stündlich seien Nachrichten gekommen, Avancen, Andeutungen, kleine Verschiebungen von Nähe, Worte, die ihre Bedeutung nur in Aussicht stellten. Der junge Mann habe sich mal als Stimme, mal als Bild oder als Pausen zwischen Antworten gezeigt. S. habe in dem Ganzen einiges an Hoffnung versenkt; um ihn zu treffen, habe er fast flehen müssen. Später meine S., sei er sicherlich im Meer tausender Verehrer verschwunden und langsam vergessen worden. Er habe ihn nicht aus seiner Schüchternheit herauskitzeln können. Umso schrecklicher und zugleich seltsam sei es gewesen, ihn nun wirklich zu sehen: jemanden, der zuvor nur als Möglichkeit existierte.
Er sei weitergeeilt, habe ihm keinen Moment mehr gegönnt als die Hast erlaubte, sei dann auf den Kurfürstendamm gebogen und wie ein Verschwundener gewesen, wie ein Mensch, der nun kein Mensch mehr unter Menschen sein möchte. Es habe sich eine Fährte kristallisiert.
Adenauerplatz, S. sei entlang der quadratförmigen Schaufenstervitrinen des Ku’damms gesprintet. Obwohl er sich nur noch fragmentiert an das Ganze erinnern könne, habe plötzlich das Haar des Jungen, der in das myopisch-Schwammhafte verfallen sei, immer wieder im Laternenlicht gefunkelt: erschien mal golden, unter Neon-Reklamen dann kühlblond. Nirgends anders habe es so geglänzt; wolle ihm also den Weg weisen. Anfangs habe er sich noch durch ausdünnende Menschenmassen gedrängt, später habe man sein Echo wie isoliert wahrgenommen. Er habe den einzigen Namen gerufen, den er kannte, habe gehofft, dass der Junge, der nun einiges an Vorsprung aufgebaut habe, ihn erkennen und dann von selbst umkehren wolle. Einmal habe sich der Gesuchte in einer ängstlichen Schnelle umgedreht, ihn dennoch -so glaube S.- nicht gesehen; habe vielleicht Hilfe gesucht. Mit jeder Kreuzung seien es weniger Menschen geworden, und sehr bald hätten sie endlich unter sich sein können, sodass er -ohne Scham- hätte rufen können, woher sie einander kannten. Es schien, dass mit jedem gelaufenen Meter die Laternen ein Stück weiter auseinander wuchsen. S. wolle jetzt nicht aufgeben, wolle diese einmalige Chance einer Klärung nutzen.
Die Jagd sei S. ein unbegreifliches Tun gewesen, etwas, das er nur den Vorfahren habe zuschreiben können; und sich nun aneignen müsse. Er habe an einen Sommer in Kalifornien gedacht, in der Lodge von Truckee habe ein Berglöwenpelz gehangen- oben am Hals durchbohrt von Maschinenpatronen. Später dachte er an zwei Honeymooner, Detroit-Natives, tot auf ihrem Suitebett in Boca Raton, eine Korallenotter unter der Thermaldecke. Ihm sei auf einmal sehr klar gewesen, dass aus der Fleischjagd unsere Welt geworden sei.
Denke man daran, ließe sich das alles auf ein im Orient verbreitetes Märchen, das bei Kirgisen, Juden und Tataren über Jahrhunderte geläufig gewesen sei, zurückführen. Man erzähle sich von drei Prinzen. Diese träfen zwischen zwei Oasen, auf einen Mann, der ein Kamel verloren habe. Ohne es jemals gesehen zu haben, beschrieben sie ihm das Tier: Es sei weiß, einäugig und trage zwei Schläuche - einen mit Wein, den anderen mit Öl gefüllt. Da ihre Erkenntnis nur der Zauberei oder dem Diebstahl entspringen könne, habe man sie vor Gericht geführt. Dort zeigten die Prinzen jedoch, wie sie allein anhand jagdlichen Wissens und kleiner Spuren das Aussehen und die Last des Tieres rekonstruiert hätten, das ihnen niemals erschienen sei. Eine gesamte Zivilisation beziehe sich auf dieses jagdliche Entziffern, führe auf sie das prosaische Erbe der Metonymie zurück. Hier begann das eigentliche derridasche Problem.
S. meine, dass der Jäger, der so durch Schlamm und Morast gewandert, sich durch Sammeln habe kaum ernähren können, der Erste gewesen sei, der »eine Geschichte erzählt« habe. So wie er es jetzt tue. Sah er in den Beutespuren - Haarbüscheln oder Gerüchen- noch die Fährte eines unpräsenten Tieres, bedürfe es ihm bald einer gewissen Vorstellungskraft, also einer denkenden Sprache. Die Welt sei aus der Kunst entstanden, der einzelnen Spur mehr anzusehen, als sie zeigte. Aus ihr wurden Städte errichtet, den Göttern Tempel gebaut, Eisen geschmiedet und Bögen geschnitzt. Man habe Enzyklopädien verfasst, aus Symptomen Pathologien entwickelt und die Psychoanalyse erfunden. Es sei äußerst ironisch gewesen, dass die Fleischeslust vielleicht der Geistesursprung sein könnte.
Da seine Rufe unbeantwortet blieben, habe ihn also jene Jagdlust gepackt. Er wolle den Damm immer weiter hinunterzulaufen, wolle wissen, ob man ihn erkennen würde und wohin ihn das alles führe. Ihr Abstand sei stetig geschwunden. Jetzt gleich hat er Dich.
Halensee, Nun seien sie schon mindestens mehrere hundert Meter gelaufen, S. immer noch glaubend, der Junge habe ihn weder hören noch sehen können, meine, er sei somit leichte Beute seiner Pirschjagd gewesen.
Um ihn das Rauschen einer Stadt, in der man alles kaufen könne; wo alles lebt und stirbt – in kleinen Wohnungen, auf Autobahnen, in U-Bahnschächten. Die Dunkelheit sitze seit Zeitanbeginn über Laternen, warte dort, bis das weltliche Licht ausginge, und wolle sich dann ewig über uns legen. Im Folgenden, nun wo diese Welt aus den Fugen brechen mag und man zu keinem Ursprung zurückkehren könne, habe S. das erste Mal das unfassbare Reale gespürt - um in den Worten Lacans zu verweilen. Das Gesicht, das Seines war, bevor es die Welt gab. Le visage qui fut le Sien avant qu’il n’y ait le monde.
Der Junge sei plötzlich, immer langsamer werdend, auf den Kronprinzendamm gebogen – habe ihn erst denken lassen, dass er nun zuhause sei und daher noch im Laufen sein Schlüssel aus der Tasche fischen wolle. An der Eingangstür könne S. dann seine Adresse notieren und seinen echten Namen am Klingelschild ablesen. Ihn dann anderswo, kontaktieren. Jedoch passierte das nicht.
Am Ende der Straße, an dem sie nun ganz allein gewesen seien, sei der Junge stehen geblieben und habe sich zu ihm gedreht, als wisse er von Anbeginn, dass S., sich der anrüchigen Natur seiner Verfolgung bewusst werdend, ihm gefolgt sei. Es habe gewirkt, als wolle er ihn nun zur Rede stellen, vielleicht die Polizei rufen, oder ihm jemanden ausliefern. Doch habe er nicht gesprochen, bloß leicht gewinkt – zumindest glaube S. dies, da er den Jungen nur verschwommen erkannt habe – und sei dann auf den schmalen Waldweg gen Westkreuz abgebogen. S. habe jemanden, der bereits einmal verschwunden sei, nicht ein weiteres Mal schwinden lassen können. Und dennoch habe das alles nur wenig Sinn ergeben, worauf ihn eine böse Vermutung überkommen habe.
Er mache das bestimmt mit mehreren Männern in ganz Berlin. Würde mit ihnen wochenlang schreiben, ihnen Nachrichten senden und mit seinem Charme kokettieren. Dann, eines Tages, käme er und zeigte sich flüchtig, locke die Person entlang des Kurfürstendamms bis hin zur AVUS, wo sein Pimp oder anderes warte, der den Angelockten dann ausraube oder sogar schlimmeres tue. In Paris sei ähnliches vor einiger Zeit passiert, dort habe man junge Männer, vorrangig Muslime, deren Eltern keinen sexuellen Kontakt bis zur Ehe erlaubten oder vor denen sie ihre Homosexualität haben verstecken müssen, auf Dating-Apps an die Seine gelockt. Später fand man dann ihre Körper flussaufwärts in mondänen Vierteln wie Neuilly-sur-Seine oder Boulogne-Billancourt, wohin sie aus den Banlieues hergetrieben sein müssen. Ihr Fleisch aufgequollen und sumpfig-grün, voller Eiterbeulen. Eine junge Frau habe einen Körper aus dem Métrofenster bei Bir-Hakeim sehen können.
Solche Dinge häufen sich immer mehr. In New Jersey, habe sich letzten August ein 76-jähriger Ehemann in eine andere Frau verliebt. Er habe wochenlang mit ihr geschrieben, sich ein neues Leben mit ihr vorstellen können, worauf sie immer wieder beteuere, dass sie echt sei. Sie lebe in Chinatown, irgendwo nahe der Canal Street und würde nur darauf warten, dass er komme. Das Ganze war jedoch eine böse Farce, und die Frau eine sprechende Maschine – eben jene, die der privaten Fantasie entspringe. Thongbue, der gute Mann von Piscataway, den man als freundlichen Nachbar und Verehrer seiner Frau lobte, habe sich sofort auf nach New York gemacht. Auf dem Weg, so vermutet man heute, könne er eine erschreckende Erkenntnis gemacht haben, sodass ihm die Hirnaneurysmen platzten. In New Brunswick, NJ sei er mit dem Kopf auf den Asphalt geschlagen und dort ausgeblutet, vielleicht immer noch glaubend, eine Frau würde auf ihn warten; vielleicht aber auch wissend, dass seine Jagd fleischlos war.
S. vermutete, dass ihm ähnliches widerfahren könne. Er müsse ein für alle Mal mit dem Mythos aufräumen und sei sich sehr sicher gewesen, so könnte es später im Polizeibericht lauten, dass das Gesicht vor ihm warte. Es wolle zu Rede gestellt werden, worauf nur eine Falle folgen könne.
Hinter der Mauer an der AVUS sei also der Mann, der von nun an alles tun wird. Jetzt könne er zwar noch nicht mit ihm reden, und er habe große Angst vor ihm, aber er sei der, der alles tut. S. sei sich sicher gewesen, dass dieser Mann ihn sehr bald ermorden wolle, ihm ein 16 cm langes Messer in das Fleisch rammen werde und ihn wie ein taxidermiertes Tier ausweiden möchte. Das Ganze tue er für ein paar hundert Euro. Einen Personalausweis, der sich in Osteuropa gut verkaufen lasse, oder eine Kreditkarte, die noch ein paar Euros ausquetschen könne. Bei einer Person mache das keinen Sinn. Der Mann, der alles tut, der das Jungfleisch als Köder aussendet, müsse im großen Stil morden; Er müsse hunderte junge Singles, verzweifelte und einsame Männer, die in Jugendzimmern oder kleinen Studentenwohnungen vegetieren -denen das eigene Zuhause vergiftet und somit langsam wegschimmle-, ähnliche Nachrichten senden. Er müsse eine Art Businessplan haben, in dem er fleischlüstende Jäger zu Gejagten mache. Also jene Männer, die es am meisten nach der materiellen Manifestation jenes Gesichtes sehnen würde, das sie schon mehrere Wochen in Onlineforen und auf Dating Apps umgarnte. Jenes unbenannte Gesicht, welches sie vielleicht mit einem drei-silbigen Namen taufen würden, der sich vom Gaumen entlang bis zur Hinterseite der Schneidezähne formen ließe. Nun komm spiel dein Spiel!
AVUS-Nordkurve, Er habe sich entgegen der Fußgängerpassage gedreht, und es war nichts. Am Ende zwischen türmenden Autobahnrampen leuchtet immer rote Neon-Schrift. S. habe sich jeden Buchstaben einzeln, einen nach dem anderen vorlesen müssen „A.R.T.E.M.I.S“.
Seit 2006 tanzen am Ende des Kurfürstendamms E-Girls auf Bildschirmen. Anlässlich der Fußball-WM baute man auf 3000 Quadratmetern Deutschlands größtes Multimedia-Bordell. Laut Senat sei es notwendig gewesen, den vier Millionen Zuschauern die bestmöglichen sexuellen Dienstleistungen anzubieten sowie ihnen die besten Annehmlichkeiten in Bezug auf Hotels und Restaurants zu gewähren. Man richte sich an Scharen männlicher Junggesellen, deren Libido durch die Kämpfe des Fußballs angeregt worden sei. Das Artemis, das einer fordistischen Fabrik ähnele, sei seiner Zeit voraus, da es schon früh die sexuelle Vereinsamung einer gesamten Generation antizipiere und somit die Pornofizierung Berlins vorantreibe.
Im Artemis verlaufen die Dinge ganz einfach. Der Freier könne ohne eine einzige Berührung mit der Fährte -also entgegen jeglicher indizienbasierter Jagd- zur Beute gelangen; könne sich dort einer ungesehenen Fleischeslust hingeben – Pools, Riesenbildschirme, 70 Dienstleisterinnen. Diese jungen Frauen -oft aus Osteuropa- bezahle man in Summen, die in ihren Dörfern mehrere Jahresgehälter seien. Damit habe man sich dann Einiges kaufen können, sogar ein Auto. Aber eben nur Sprit für zwei Jahre. Dann kämen sie wieder nach Berlin und spielten Beute für eine Bande orientierungsloser Jäger. S. wolle, zeitnah nach Hause zurückkehren und dort jagen, wo sich letzte Fährten haben sichern lassen.
Bülowstraße, Zu Hause scrollte S. zu dem archivierten Chat hinunter und setzte an, wolle zunächst nur fragen, wie es ihm gehe, doch es folgte keine Antwort. Wenige Minuten später schrieb er ihm erneut. Er wisse, wie seltsam es sei, eine Person, die man nur von hier kenne, in echt zu treffen. Da jedoch auch auf diese Nachricht, trotz des grün blinkenden Profils, keine Antwort folgte, begann S. zu flehen. Er wolle nur wissen, ob das, was ihm heute widerfahren sei, wirklich gewesen sei, ob er und sein Komplize ihn verschont haben; ob er des Jagens unfähig gewesen sei. Das Profil verschwand, Benutzer unauffindbar. Tage vergingen.
S., der nun in keinem Forum Pentobarbital habe finden können, um sich das eigene Leben zu nehmen, wolle in die U2 aus Pankow steigen und sich in der Toilette des Bahnhof Zoo aufhängen. Vielleicht möge sein Geist, dann, wenn er sich von allen Trieben habe lösen können, wieder zu dem Guten finden, aus dem er kam und zu dem er möchte. Noch, denke S., ziehen wir aus flachen Tälern Berge hoch.-
Nun verebbte deine letzte Kraft, Serotonin spielt dir einen blöden Streich, der dich denken lässt, dass du diese Welt mit einem Zeichen verlässt, und Adrenalin will, dass du neue Wege eingehst, die dir davor noch grausig verlassen und äußerst gefährlich erschienen. Da nun keiner zu deiner Hilfe eilt, um dir wieder Vernunft einzureden, und du somit dieses Mal deinen Kopf nicht aus der Schlaufe hast ziehen können, was machst du dann? Sag mir, warum bist du so seltsam fern verschollen und warum kam niemand, der dich retten wollte? Warum kennst du Monat, aber Jahr nicht mehr? Die Entscheidung ist deine, jetzt, wo du ganz allein auf lichtloser Insel bist, auf der Insel deiner Angst.


